Homöopathie in Web 2.0 – Claus Fritzsche im Interview

Claus Fritzsche

Claus Fritzsche

Wiedergabe des Interviews mit freundlicher Genehmigung der Allgemeinen Homöopathischen Zeitung.

AHZ: Sehr geehrter Herr Fritzsche, Sie arbeiten als Journalist und gehören als Web-2.0-Experte zu den wenigen, die als Fürsprecher der Komplementärmedizin im Internet aktiv sind. Woher stammt Ihr Interesse an Homöopathie und Komplementärmedizin?

Claus Fritzsche: Oh, das lässt sich nicht in 3 Sätzen sagen. Es sind zunächst einmal eigene − spektakuläre − therapeutische Erfahrungen, die Freude am Medium Internet und an kontroversen Diskussionen. Ich habe auch eine Affinität zu hochkomplexen und teils verworren wirkenden Themen. Es macht mir Freude, Komplexes zu analysieren und auf den Punkt zu bringen. Was das letzte Motiv angeht, so ist das die Marktnische, in der ich mich bewege. Es gibt viele gute Journalisten, die Wissenschaft packend und spannend schildern. Es gibt auch viele Forscher, die über ein hohes Maß an Fachwissen verfügen und Sachverhalte präzise darstellen. Beide Welten finden jedoch oftmals nicht zueinander, weil es − so mein Eindruck − vielen Wissenschaftlern schwerfällt, allgemeinverständlich zu kommunizieren, und weil nur wenige Journalisten mit dem Talent gesegnet sind, komplexe Themen, zu denen sie sich äußern, auch tatsächlich fachlich und geistig zu durchdringen. Ich habe Freude daran, hier Brücken zu bauen.

AHZ: Sie haben bis 2013 für den DZVhÄ das DZVhÄ Homöopathie.Blog redaktionell betreut. Wie waren Ihre Erfahrungen damit?

Claus Fritzsche: Ambivalent, um es ganz ehrlich zu sagen. Zunächst einmal ist der DZVhÄ als Verband die Autorität schlechthin, wenn es um Fragen der ärztlichen Homöopathie geht. Und zwar sowohl was das fachliche Wissen, die praktische therapeutische Erfahrung als auch die Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit angeht. Das hat dem Blog viel Rückenwind geschenkt. Ein wichtiges Ziel des Blogs wurde hingegen nicht oder nur rudimentär erreicht: Es ging sowohl dem DZVhÄ als auch mir darum, im Internet einen fachlichen Dialog zwischen Wissenschaft und Homöopathie anzuregen. Genau wie es beispielsweise in meinen Interviews mit dem Physiker Dr. Stephan Baumgartner oder mit dem Biometriker Rainer Lüdtke ganz gut gelungen ist. Solche auf hohem fachlichem Niveau geführten Interviews kosten jedoch Geld, das zum Schluss nicht mehr zur Verfügung stand.

AHZ: Die Homöopathie wird im Internet vorwiegend von sogenannten „Skeptikern“ angegriffen. Wer versteckt sich hinter dem Begriff „Skeptiker“?

Claus Fritzsche: Das hat der Heidelberger Soziologe Dr. Edgard Wunder auf seiner inzwischen leider nicht mehr aktuellen Webseite www.skeptizismus.de fundiert erklärt. Sogenannte Skeptiker sind eine interessante Weltanschauungsgemeinschaft, die historisch als komplementäres Gegenstück zur New-Age-Bewegung entstand und in der seit ca. 5 Jahren atheistische Fundamentalisten den Ton angeben. Dieser Ton ist streng dogmatisch, zuweilen auch militant, selten gut gelaunt. In der „Skeptiker“-Bewegung, wie sie heute überwiegend im Internet ausgelebt wird, zeigen sich viele Verhaltensweisen, die denen von Fundamentalisten oder sogar politischen Extremisten sehr ähnlich sind. Alles dreht sich um Feindbilder und deren Bekämpfung. Ein wertschätzender und konstruktiver Dialog mit Andersdenkenden findet nicht statt. Die Art, wie Feindbilder bekämpft werden, ähnelt stark den Wahrnehmungs-, Denk- und Verhaltensweisen, die auch am äußersten politischen Rand − ob nun rechts oder links − etabliert sind, oder in dogmatischen ideologischen Gruppierungen. Ganz platt gesprochen versuchen „Skeptiker“, den Teufel mittels Beelzebub auszutreiben.

AHZ: Sie haben im Lauf der letzten Jahre umfassendes Wissen über die „Skeptiker“-Szene gesammelt. Können Sie etwas aus dem Nähkästchen plaudern, damit sich unsere Leser ein Bild von den Aktivitäten dieser Bewegung machen können?

Claus Fritzsche: Es gibt speziell 2 Aspekte, die ich interessant finde, die mit dem Internet zu tun haben und die einen Lern- bzw. Wachstumsimpuls vermitteln können. Das Internet bietet kleinen Gruppen die Möglichkeit, sich wie eine große Volksbewegung darzustellen. Wenn 80 Millionen Bürger schweigen, dann können schon 30 000 Twitter-Kurzmitteilungen von 20 Aktivisten mit jeweils 100 sogenannten Followern die Illusion einer großen Bewegung vermitteln. Das ist spannend. Es benötigt tatsächlich nur relativ wenige Aktivisten, die sich gut vernetzen und über mediale Steigbügelhalter in namhaften Redaktionen verfügen. Dieses Spiel beherrscht die „Skeptiker“-Bewegung exzellent. Sie verfügt über willige „journalistische Helfer“ in den Redaktionen von Stern, ZEIT, SPIEGEL, Süddeutsche Zeitung, 3sat, ZDF, Heise-Verlag etc., die rund um ideologisch aufgeladene Themen oftmals Meinungs- und Gesinnungsjournalismus betreiben. Überall dort, wo mit diesen Mechanismen gearbeitet und manipuliert wird, erinnert der Vorgang an das Aufblasen eines großen Luftballons, den man mit einem kleinen Nadelstich zum Platzen bringen kann. Es reicht aus, sich ebenfalls im Internet zu vernetzen und die manipulativen Mechanismen ganz einfach nur transparent zu machen. Damit verliert der Spuk seine „Zauberkraft“. Das geschieht jedoch viel zu selten, meist aus Sorge, in destruktive Auseinandersetzungen verwickelt zu werden. Die Kunst besteht meines Erachtens darin, Debatten aktiv und konstruktiv zu führen.

AHZ: Und welchen zweiten Aspekt finden Sie interessant?

Claus Fritzsche: Die Aktivitäten der „Skeptiker“-Szene haben meiner Meinung nach auch einen konstruktiven und sehr erfreulichen Effekt. Zur Strategie von Vereinen wie zum Beispiel der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) e. V. gehört es, sich in der Öffentlichkeit als Gruppe darzustellen, die zweifelhafte Angebote und Ideologien mit wissenschaftlichem Anspruch hinterfragt. In der Praxis macht sie das nicht wirklich. Der große Bluff des Vereins GWUP fällt jedoch deshalb oftmals nicht auf, weil es tatsächlich eine ganze Menge zweifelhafter Angebote und Ideologien gibt, die von „Skeptikern“ vollkommen zu Recht infrage gestellt werden, und weil es unter Ärzten, Heilpraktikern, Verbänden, aber auch unter selbsternannten Experten und Universalgelehrten zu viele Menschen gibt, die mit Wissenschaft und wissenschaftlicher Forschungsmethodik auf Kriegsfuß stehen. Es gibt meines Wissens nur sehr wenige professionell gemachte Webseiten, die Aspekte der Homöopathieforschung seriös, fachlich fundiert und ohne schönfärbende oder PR-Elemente kommunizieren. Gäbe es mehr solcher Webseiten und würden Ärzte, Heilpraktiker, Verbände etc. regelmäßig auf solche Webseiten verweisen, sich aktiv und ergebnisoffen mit Forschungsfragen auseinandersetzen, dann würde sich daraus ein konstruktiver und effektiver Dialog auf Augenhöhe entwickeln, von dem alle Seiten profitieren könnten.

AHZ: Gibt es nicht eine ganze Reihe von Webseiten mit Informationen zur Homöopathieforschung?

Claus Fritzsche: Aus meiner Sicht findet eine aktive und ergebnisoffene Auseinandersetzung mit Forschungsfragen unter Homöopathen nur ganz selten statt. Oftmals sind Kommentare zu und Verweise auf Studien selektiv und fachlich nicht qualifiziert. Sie dienen in erster Linie der Rechtfertigung und Schönfärberei. Nichts anderes geschieht in der „Skeptiker“-Szene, hier nur mit negativen Vorzeichen.

AHZ: Sie werden auch häufig persönlich angegriffen. Wie kommen Sie damit zurecht?

Claus Fritzsche: Indem ich es nicht persönlich nehme und es als eine Realität des Internets akzeptiere. Der Blogger Sascha Lobo hat das Phänomen, um das es hier geht, treffend kommentiert („Netzhass ist gratis“, SPIEGEL ONLINE, 04.12.2012). Wer sich im Netz exponiert, der wird laut Sascha Lobo leicht zum Objekt von Menschen, die nicht mit dem Herzen kommunizieren und denen gewisse soziale Grundtechniken fremd sind. Hinzu kommt die alte Regel: „Wer austeilt, der muss auch einstecken können.“ Ich nehme im Netz ja auch kein Blatt vor den Mund und liebe die klare Aussprache. Das provoziert natürlich Reaktionen, für die ich selbst verantwortlich bin.

AHZ: Was kann die Homöopathie aus Ihrer Sicht tun, um ihr Standing in der Öffentlichkeit und besonders im Internet zu verbessern?

Claus Fritzsche: Ich vermute, homöopathisch arbeitende Ärzte und Heilpraktiker könnten ihre Position im Internet relativ schnell nachhaltig verbessern, wenn sie 3 Dinge machen würden, die ihnen bisher eher fremd sind:

1. Sie sollten dankbar für die Onlineaktivitäten der „Skeptiker“-Szene sein und anerkennen, dass sie von dieser Bewegung − trotz aller Destruktivität und vieler Übertreibungen − eine Menge lernen können. Die „Skeptiker“-Szene zeigt an, dass es hier irgendwo brennt. In solchen Fällen ist es wenig sinnvoll, sich über den Feuermelder zu beklagen oder diesen zu ignorieren. Besser wäre es, das Feuer zu löschen.

2. Sie sollten sich aktiv, fundiert und ergebnisoffen mit Wissenschaft, Forschungsmethodik, Studienlage, Wissenschaftskommunikation etc. beschäftigen und aufhören, die Öffentlichkeit mit ein paar Standardphrasen abzuspeisen. Dass „es wirkt“ und die „Wissenschaft mehr forschen muss“, ist im Jahr 2013 keine überzeugende Antwort mehr. Die Forschungslage sieht für die Homöopathie gar nicht so schlecht aus. Warum sind Homöopathen nicht in der Lage, das auch zu kommunizieren?

3. Sie sollten nach einem authentischen Weg suchen, um das Internet aktiver und professioneller als bisher zu nutzen und sich im Internet zu vernetzen. Google belohnt Aktivität und Vernetzung und bestraft Inaktivität und Einzelgängertum.

AHZ: Ende 2011 ist Ihr Weblog CAM Media Watch online gegangen. Worum geht es hier?

Claus Fritzsche: CAM Media.Watch ist, wie der Name schon sagt, ein Watchblog. Es analysiert Medienbeiträge zu CAM-Themen, überprüft als Fakten ausgegebene Behauptungen und spricht bei Bedarf auch journalistische Missstände an − spricht hier Klartext.

AHZ: Herr Fritzsche, wir danken Ihnen für das Interview!

Claus Fritzsche wurde 1964 in Marl, Nordrhein-Westfalen, geboren. Nach Abschluss eines BWL-Studiums und langjähriger Tätigkeit in der Industrie (Vertrieb & Marketing) arbeitet er seit 2003 als freier Texter, seit 2009 zusätzlich als Medizin- und Wissenschaftsjournalist. Sein Markenzeichen: hoch komplexe Sachverhalte leicht verständlich auf den Punkt bringen. Als Medizin- und Wissenschaftsjournalist hat sich Fritzsche auf die Themen Gesundheit aus ganzheitlicher Sicht, Komplementärmedizin und Forschung sowie Grenzbereiche der Psychologie spezialisiert. www.claus-fritzsche.de

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