Sind homöopathische Arzneien Nano-Stressoren?

Teil 3 und Abschluß der Serie zum ‘Nanoparticle-Cross-Adaption-Sensitization Model’ von Iris Bell

(Teil 1, Teil 2)

Nachdem es im vorigen Blog Beitrag zum ‘Nanoparticle-Cross-Adaption-Sensitization Model’ von Iris Bell um das Vorkommen von Nanopartikeln (NP) in homöopathischen Arzneien ging, geht es hier um die Frage wie diese eine Selbstheilungsreaktion des Organismus bewirken könnten. Frau Bell sieht mögliche Antworten in den katalytischen Eigenschaften von NP, die auch in Konzentrationen von einem Nanomol(10-9) signifikante biologische Effekte bewirken würden. Zudem könnten die „Nanoblasen“, in denen sich die Nanopartikel befinden, die biologische Wirkung verstärken. Homöopathisch verabreicht könnten, laut Bell, potenzierte Arzneien Anpassungsreaktionen des autoregulativen Stressreaktions- Netzwerkes bewirken, nachdem sie vom Organismus als Stressor identifiziert wurden.

Das dabei verwendete Stresskonzept (2,3) ist den Meisten wohlbekannt: Der Körper passt sein inneres Milieu (Homöostase) ständig an die äußeren Umweltbedingungen an, der Begriff „Allostase“ (Erhalt von Stabilität durch Wandel) bezeichnet diesen Vorgang, der im Laufe der Zeit zu einer individuellen von der Beanspruchung abhängigen „allostatischen Last“ führt, eine Folge der ständigen Anpassungsvorgänge. Der Stressauslöser wird als „Stressor“ bezeichnet, dieser kann physikalischer, chemischer oder psychosozialer Natur sein. Die durchaus spezifische Reaktion   des Organismus wird als „Stressreaktion“ bezeichnet. Alltagsverständlich ausgedrückt: Der smogbelastete Mensch aus Shanghai, der Kettenraucher, der Extremsportler und der Stubenhocker benötigen gänzlich andere körperliche Anpassungsreaktionen und haben entsprechend andere „Abnutzungen“ auf ihre individuellen Belastungen im Laufe des Lebens auf psychologischer, immunologischer und zellulärer Ebene entwickelt. Entsprechend werden sie ggf. auch andere Erkrankungen entwickeln.

Im weiteren geht Frau Bell auf die Toxizität einzelner Nanopartikel ein, diese bestünde bei den meisten in hoher Dosis, bei einigen auch bei sehr niedrigen Dosen. Sie würden mit der Entstehung einzelner Krankheiten in Verbindung gebracht und könnten Entzündungsreaktionen auslösen. Es sei davon auszugehen, dass deshalb, unabhängig von der Quelle des Nanopartikels, der Organismus auf diese potentielle Bedrohung reagiere. Je besser die Nanopartikel in den homöopathischen Arzneien als Stressorsignal zur individuellen „allostatischen Last“ passten, desto eher handele es sich um die Simillimum Arznei. Der Wirkort der Arznei wäre kein lokaler Rezeptor, sondern der Organismus als Gesamtsystem reagiere. Relevant für die Anpassungsvorgänge wären die niedrige Dosis und der Zustand des Organismus zum Zeitpunkt der Arzneigabe.

Die Individualität von Stressreaktionen ist ein entscheidender Aspekt der gegenwärtigen Stresskonzepte. Der individuelle Organismus reagiert auf Grund seiner Vorgeschichte qualitativ und quantitativ sehr individuell mit einer Anpassungsreaktion auf äußere und innere Reize.

Die Dosen der Nanopartikel in den Untersuchungen von Chikramane bewegten sich im Bereich von 8-7000 Pikogramm/ml (10-12). Auch die Silizium Konzentrationen in den homöopathischen Arzneien seien nur im Mikromolarbereich gewesen, so dass allgemein nicht von einer Gefährdung durch die Nanopartikel in homöopathische Arzneien ausgegangen werden könne, laut Bell.

Wie also könnten dann die Nanopartikel in homöopathischen Arzneien Reaktionen des Organismus auslösen, wenn die Dosis in der Regel zu niedrig sei? Dies sei möglich durch Hormesis.

Das Phänomen Hormesis beschreibt die zeitabhängige Anpassungsreaktion von biologischen Organismen auf Stress (durch alle denkbaren Arten von Stressoren wie z.B. auch Gifte) in Abhängigkeit von der Intensität. Diese Beziehung ist nicht linear, sondern biphasisch. Bedeutet, dass immer mehr Stress (z.B. Hitze, Kälte) nicht eine immer stärkere Reaktion zur Folge hat, sondern dass ab einem bestimmten Maß der Organismus weniger reagiert, z.B. wenn die Schädigung zu groß ist.

Hormesis_komplett

Unterschieden wird zwischen einer präkonditionierten – und einer postkonditionierten Hormesis, dabei werden zweimal Stressreize gesetzt und die letztendliche Schädigung verglichen.

Bei der präkonditionierten Hormesis wird erst leicht gestresst, dann stark. Dabei zeigt sich, dass eine Stimulation durch eine niedrigere Stressdosis vor intensivem Stress einen protektiven Effekt hat, der Schaden ist geringer als bei intensivem Stress allein. Erfolgt die niedrigere Stressdosis im Anschluß an den starken Stress spricht man von einer postkonditionierten Hormesis. Weiterhin unterscheidet man zwischen homolog bei gleichartigem und heterolog (Bell nennt dies auch „cross adaption“- Kreuzadaptation) bei unterschiedlichem Stressreizen. 

Van Wijk und Wiegant (4,5) haben in den vergangenen gut 20 Jahren eine Vielzahl von Versuchen mit Zellkulturen zur postkonditionierten Hormesis durchgeführt. Untersucht wurden dabei Reparaturproteine (Hitze- Schock Proteine, HSP), deren Konzentration ein direktes Maß für den Gesundungsverlauf einer Zelle nach Stress darstellen. Je nach Stress (Schädigungsart) ergibt sich ein spezifisches Muster an Reparaturproteinen. Van Wijk und Wiegant konnten z.B. zeigen, dass eine Konzentration von 100 uM Arsen eine Störung der Zellregeneration bewirkt. Deutlich wurde auch, dass die Zellen direkt nach der Schädigung eine sehr hohe Sensitivität gegenüber Arsen entwickelten. Stresst man nun die Zelle mit der gleichen Dosis stirbt die Zelle schnell ab. Im Gegensatz dazu stieg die Bildung von Reparaturproteinen nach Gabe von Arsen in niedrigeren Dosen von 1uM bis 10 uM sprunghaft an und der Gesundungsverlauf war sehr positiv. Wurden hingegen gesunde Zellen mit diesen niedrigen Konzentrationen gestresst, war keine Veränderung der Konzentration von Reparaturproteinen festzustellen. Diese Versuchsreihe entsprach einer homologen postkonditionierten Hormesis.

In weiteren Untersuchungen wurde die heterologe postkonditionierte Hormesis untersucht. Ausgangspunkt war erneut das spezifische Muster an Reparaturproteinen, das durch einen initialen Stress in Form von Hitze ausgelöst wurde. Es zeigte sich, dass die Substanz, die in geringer Dosis verabreicht das ähnlichste Muster an Reparaturproteinen zeigte, den besten Heilungsverlauf bewirkte. Dieser ging über die Gesundungsreaktion bei einer homologen postkonditionierten Hormesis hinaus. Van Wijk deutete dies als einen Hinweis für die Validität der Simile Regel auf zellulärer Basis.

Durch die verstärkte Bioverfügbarkeit seien laut Bell die Dosen für Nanopartikel, die für eine positive hormetische Wirkung notwendig seien, noch geringer als für anderweitige Substanzen bekannt. Ihre Wirkung könnte als eine heterologe postkonditionierte hormetische Wirkung verstanden werden. Das Muster der Schädigung der allostatischen Last des Organismus würde durch eine Substanz, die ein vergleichbares Muster an Schädigung erzeugen kann, in Richtung Gesundungsreaktion angestoßen.

Als letztes Puzzlestück in ihrem Modell bezieht sich Frau Bell auf die „Zeitabhängige Sensibilisierung“ (Time- Dependent Sensitization, TDS). Bell hält es für möglich, dass durch den Nano- Stress Veränderungen im Bereich der neuronalen Meta- Plastizität indiziert werden, die eine sich zunehmend verstärkende Gegenreaktion des Organismus bewirken. Ein häufig bestätigtes Beispiel dafür sei dabei der Prozess der „Zeitabhängigen Sensibilisierung“, bei dem der Organismus auf eine einmalige Konfrontation mit einem Stressor eine über die Zeit zunehmend starke Reaktion zeigt. Die Reaktion auf die erneute Konfrontation mit dem gleichbleibenden Stressor ist ebenfalls verstärkt. Dieses Phänomen finde sich in zahlreichen Organisationsebenen eines Organismus, und könne durch vielfältige Stressoren ausgelöst werden. Dies würde erklären warum die homöopathischen Arzneien auch bei seltener Gabe im Abstand von mehreren Wochen Selbstheilungsprozesse aktivieren könnten. Auch bei Arzneistoffen ist dieses Phänomen bestätigt worden, eine Gabe von Psychopharmaka, die nicht täglich sondern nur im Abstand von mehreren Wochen erfolgte, hatte den gleichen oder bessere Erfolge. (1)

Fassen wir es nochmal zusammen: In homöopathischen Arzneien sind Nanopartikel der Ausgangssubstanz und von Silizium aus den Glaswänden. Diese werden vom Organismus bei einem Kontakt als relevanter und bedrohlicher Stressor bewertet. Passt die vom Nanopartikel induzierte Schädigung zum bestehenden Schädigungsmuster der allostatischen Last, kann dadurch eine Heilungsreaktion im Sinne einer postkonditionierten heterologen Hormesis ausgelöst werden. Verstärkt wird diese Heilungsreaktion durch eine „Zeitabhängige Sensibilisierung“, die durch Einzelgaben der Arznei in längeren Abständen ausgelöst wird.

Unser Fazit: Frau Bell hat in ihrem Modell Forschungsergebnisse der homöopathischen Grundlagenforschung mit modernen Erkenntnissen von Nanomedizin und Stressmodellen zu einem harmonischen Ganzen zusammengefügt. Das Modell betrachtet Homöopathie als eine materielle und arzneiliche Therapie, die durch einen spezifischen Stressreiz den Organismus zu einer Selbstheilungsreaktion anregt. Damit ist es zumindest von der grundlegenden Idee dem ursprünglichen Selbstverständnis der Homöopathie als einer Reiz- und Reaktionstherapie nahe. Quantenmechanische Modelle, die „Imprint Theorie“ und ein Gedächtnis des Wassers sind nicht Bestandteil des Modells. Den Durchbruch zur Anerkennung der Homöopathie wird es nicht bewirken, aber wir sind auf Forschungsergebnisse zu diesem Modell in der Zukunft gespannt.

 Literatur

Literatur Iris Bell und Chikramane siehe Teil 1

Website von Iris Bell

(1) Antelman SM, Levine J, Gershon S: Time dependent sensitization: the odyssey of a scientific heresy from the laboratory to the door oft he clinic. Molecular psychiatry 2000;5:350-356. http://www.joseph-levine.co.il/wp-content/uploads/2009/04/time-dependent-sensitization.pdf

(2) Esch T: Gesund im Stress: Der Wandel des Stresskonzepts und seine Bedeutung für Prävention, Gesundheit und Lebensstil. Gesundheitswesen 2002; 64: 73-81

(3) Esch T: Stress, Anpassung und Selbstorganisation: Gleichgewichtsprozesse sichern Gesundheit und Überleben. Forschende Komplementärmedizin 2003; 10:330-341

(4) Van Wijk R, Wiegant F: Homöopathie in der aktuellen Forschung: Simile-Prinzip experimentell bestätigt? Allgemeine homöopathische Zeitung 1996; 241:56-61

(5) Van Wijk R, Wiegant F: Postconditioning Hormesis and the Homeopathic Similia Principle: Molecular Aspects. Biological Effects of Low Level Exposures Newsletter: 2010; 16:45-50.

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