Homöopathie in Web 2.0 – Claus Fritzsche im Interview

Claus Fritzsche

Claus Fritzsche

Wiedergabe des Interviews mit freundlicher Genehmigung der Allgemeinen Homöopathischen Zeitung.

AHZ: Sehr geehrter Herr Fritzsche, Sie arbeiten als Journalist und gehören als Web-2.0-Experte zu den wenigen, die als Fürsprecher der Komplementärmedizin im Internet aktiv sind. Woher stammt Ihr Interesse an Homöopathie und Komplementärmedizin?

Claus Fritzsche: Oh, das lässt sich nicht in 3 Sätzen sagen. Es sind zunächst einmal eigene − spektakuläre − therapeutische Erfahrungen, die Freude am Medium Internet und an kontroversen Diskussionen. Ich habe auch eine Affinität zu hochkomplexen und teils verworren wirkenden Themen. Es macht mir Freude, Komplexes zu analysieren und auf den Punkt zu bringen. Was das letzte Motiv angeht, so ist das die Marktnische, in der ich mich bewege. Es gibt viele gute Journalisten, die Wissenschaft packend und spannend schildern. Es gibt auch viele Forscher, die über ein hohes Maß an Fachwissen verfügen und Sachverhalte präzise darstellen. Beide Welten finden jedoch oftmals nicht zueinander, weil es − so mein Eindruck − vielen Wissenschaftlern schwerfällt, allgemeinverständlich zu kommunizieren, und weil nur wenige Journalisten mit dem Talent gesegnet sind, komplexe Themen, zu denen sie sich äußern, auch tatsächlich fachlich und geistig zu durchdringen. Ich habe Freude daran, hier Brücken zu bauen.

AHZ: Sie haben bis 2013 für den DZVhÄ das DZVhÄ Homöopathie.Blog redaktionell betreut. Wie waren Ihre Erfahrungen damit?

Claus Fritzsche: Ambivalent, um es ganz ehrlich zu sagen. Zunächst einmal ist der DZVhÄ als Verband die Autorität schlechthin, wenn es um Fragen der ärztlichen Homöopathie geht. Und zwar sowohl was das fachliche Wissen, die praktische therapeutische Erfahrung als auch die Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit angeht. Das hat dem Blog viel Rückenwind geschenkt. Ein wichtiges Ziel des Blogs wurde hingegen nicht oder nur rudimentär erreicht: Es ging sowohl dem DZVhÄ als auch mir darum, im Internet einen fachlichen Dialog zwischen Wissenschaft und Homöopathie anzuregen. Genau wie es beispielsweise in meinen Interviews mit dem Physiker Dr. Stephan Baumgartner oder mit dem Biometriker Rainer Lüdtke ganz gut gelungen ist. Solche auf hohem fachlichem Niveau geführten Interviews kosten jedoch Geld, das zum Schluss nicht mehr zur Verfügung stand.

AHZ: Die Homöopathie wird im Internet vorwiegend von sogenannten „Skeptikern“ angegriffen. Wer versteckt sich hinter dem Begriff „Skeptiker“?

Claus Fritzsche: Das hat der Heidelberger Soziologe Dr. Edgard Wunder auf seiner inzwischen leider nicht mehr aktuellen Webseite www.skeptizismus.de fundiert erklärt. Sogenannte Skeptiker sind eine interessante Weltanschauungsgemeinschaft, die historisch als komplementäres Gegenstück zur New-Age-Bewegung entstand und in der seit ca. 5 Jahren atheistische Fundamentalisten den Ton angeben. Dieser Ton ist streng dogmatisch, zuweilen auch militant, selten gut gelaunt. In der „Skeptiker“-Bewegung, wie sie heute überwiegend im Internet ausgelebt wird, zeigen sich viele Verhaltensweisen, die denen von Fundamentalisten oder sogar politischen Extremisten sehr ähnlich sind. Alles dreht sich um Feindbilder und deren Bekämpfung. Ein wertschätzender und konstruktiver Dialog mit Andersdenkenden findet nicht statt. Die Art, wie Feindbilder bekämpft werden, ähnelt stark den Wahrnehmungs-, Denk- und Verhaltensweisen, die auch am äußersten politischen Rand − ob nun rechts oder links − etabliert sind, oder in dogmatischen ideologischen Gruppierungen. Ganz platt gesprochen versuchen „Skeptiker“, den Teufel mittels Beelzebub auszutreiben.

AHZ: Sie haben im Lauf der letzten Jahre umfassendes Wissen über die „Skeptiker“-Szene gesammelt. Können Sie etwas aus dem Nähkästchen plaudern, damit sich unsere Leser ein Bild von den Aktivitäten dieser Bewegung machen können?

Claus Fritzsche: Es gibt speziell 2 Aspekte, die ich interessant finde, die mit dem Internet zu tun haben und die einen Lern- bzw. Wachstumsimpuls vermitteln können. Das Internet bietet kleinen Gruppen die Möglichkeit, sich wie eine große Volksbewegung darzustellen. Wenn 80 Millionen Bürger schweigen, dann können schon 30 000 Twitter-Kurzmitteilungen von 20 Aktivisten mit jeweils 100 sogenannten Followern die Illusion einer großen Bewegung vermitteln. Das ist spannend. Es benötigt tatsächlich nur relativ wenige Aktivisten, die sich gut vernetzen und über mediale Steigbügelhalter in namhaften Redaktionen verfügen. Dieses Spiel beherrscht die „Skeptiker“-Bewegung exzellent. Sie verfügt über willige „journalistische Helfer“ in den Redaktionen von Stern, ZEIT, SPIEGEL, Süddeutsche Zeitung, 3sat, ZDF, Heise-Verlag etc., die rund um ideologisch aufgeladene Themen oftmals Meinungs- und Gesinnungsjournalismus betreiben. Überall dort, wo mit diesen Mechanismen gearbeitet und manipuliert wird, erinnert der Vorgang an das Aufblasen eines großen Luftballons, den man mit einem kleinen Nadelstich zum Platzen bringen kann. Es reicht aus, sich ebenfalls im Internet zu vernetzen und die manipulativen Mechanismen ganz einfach nur transparent zu machen. Damit verliert der Spuk seine „Zauberkraft“. Das geschieht jedoch viel zu selten, meist aus Sorge, in destruktive Auseinandersetzungen verwickelt zu werden. Die Kunst besteht meines Erachtens darin, Debatten aktiv und konstruktiv zu führen.

AHZ: Und welchen zweiten Aspekt finden Sie interessant?

Claus Fritzsche: Die Aktivitäten der „Skeptiker“-Szene haben meiner Meinung nach auch einen konstruktiven und sehr erfreulichen Effekt. Zur Strategie von Vereinen wie zum Beispiel der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) e. V. gehört es, sich in der Öffentlichkeit als Gruppe darzustellen, die zweifelhafte Angebote und Ideologien mit wissenschaftlichem Anspruch hinterfragt. In der Praxis macht sie das nicht wirklich. Der große Bluff des Vereins GWUP fällt jedoch deshalb oftmals nicht auf, weil es tatsächlich eine ganze Menge zweifelhafter Angebote und Ideologien gibt, die von „Skeptikern“ vollkommen zu Recht infrage gestellt werden, und weil es unter Ärzten, Heilpraktikern, Verbänden, aber auch unter selbsternannten Experten und Universalgelehrten zu viele Menschen gibt, die mit Wissenschaft und wissenschaftlicher Forschungsmethodik auf Kriegsfuß stehen. Es gibt meines Wissens nur sehr wenige professionell gemachte Webseiten, die Aspekte der Homöopathieforschung seriös, fachlich fundiert und ohne schönfärbende oder PR-Elemente kommunizieren. Gäbe es mehr solcher Webseiten und würden Ärzte, Heilpraktiker, Verbände etc. regelmäßig auf solche Webseiten verweisen, sich aktiv und ergebnisoffen mit Forschungsfragen auseinandersetzen, dann würde sich daraus ein konstruktiver und effektiver Dialog auf Augenhöhe entwickeln, von dem alle Seiten profitieren könnten.

AHZ: Gibt es nicht eine ganze Reihe von Webseiten mit Informationen zur Homöopathieforschung?

Claus Fritzsche: Aus meiner Sicht findet eine aktive und ergebnisoffene Auseinandersetzung mit Forschungsfragen unter Homöopathen nur ganz selten statt. Oftmals sind Kommentare zu und Verweise auf Studien selektiv und fachlich nicht qualifiziert. Sie dienen in erster Linie der Rechtfertigung und Schönfärberei. Nichts anderes geschieht in der „Skeptiker“-Szene, hier nur mit negativen Vorzeichen.

AHZ: Sie werden auch häufig persönlich angegriffen. Wie kommen Sie damit zurecht?

Claus Fritzsche: Indem ich es nicht persönlich nehme und es als eine Realität des Internets akzeptiere. Der Blogger Sascha Lobo hat das Phänomen, um das es hier geht, treffend kommentiert („Netzhass ist gratis“, SPIEGEL ONLINE, 04.12.2012). Wer sich im Netz exponiert, der wird laut Sascha Lobo leicht zum Objekt von Menschen, die nicht mit dem Herzen kommunizieren und denen gewisse soziale Grundtechniken fremd sind. Hinzu kommt die alte Regel: „Wer austeilt, der muss auch einstecken können.“ Ich nehme im Netz ja auch kein Blatt vor den Mund und liebe die klare Aussprache. Das provoziert natürlich Reaktionen, für die ich selbst verantwortlich bin.

AHZ: Was kann die Homöopathie aus Ihrer Sicht tun, um ihr Standing in der Öffentlichkeit und besonders im Internet zu verbessern?

Claus Fritzsche: Ich vermute, homöopathisch arbeitende Ärzte und Heilpraktiker könnten ihre Position im Internet relativ schnell nachhaltig verbessern, wenn sie 3 Dinge machen würden, die ihnen bisher eher fremd sind:

1. Sie sollten dankbar für die Onlineaktivitäten der „Skeptiker“-Szene sein und anerkennen, dass sie von dieser Bewegung − trotz aller Destruktivität und vieler Übertreibungen − eine Menge lernen können. Die „Skeptiker“-Szene zeigt an, dass es hier irgendwo brennt. In solchen Fällen ist es wenig sinnvoll, sich über den Feuermelder zu beklagen oder diesen zu ignorieren. Besser wäre es, das Feuer zu löschen.

2. Sie sollten sich aktiv, fundiert und ergebnisoffen mit Wissenschaft, Forschungsmethodik, Studienlage, Wissenschaftskommunikation etc. beschäftigen und aufhören, die Öffentlichkeit mit ein paar Standardphrasen abzuspeisen. Dass „es wirkt“ und die „Wissenschaft mehr forschen muss“, ist im Jahr 2013 keine überzeugende Antwort mehr. Die Forschungslage sieht für die Homöopathie gar nicht so schlecht aus. Warum sind Homöopathen nicht in der Lage, das auch zu kommunizieren?

3. Sie sollten nach einem authentischen Weg suchen, um das Internet aktiver und professioneller als bisher zu nutzen und sich im Internet zu vernetzen. Google belohnt Aktivität und Vernetzung und bestraft Inaktivität und Einzelgängertum.

AHZ: Ende 2011 ist Ihr Weblog CAM Media Watch online gegangen. Worum geht es hier?

Claus Fritzsche: CAM Media.Watch ist, wie der Name schon sagt, ein Watchblog. Es analysiert Medienbeiträge zu CAM-Themen, überprüft als Fakten ausgegebene Behauptungen und spricht bei Bedarf auch journalistische Missstände an − spricht hier Klartext.

AHZ: Herr Fritzsche, wir danken Ihnen für das Interview!

Claus Fritzsche wurde 1964 in Marl, Nordrhein-Westfalen, geboren. Nach Abschluss eines BWL-Studiums und langjähriger Tätigkeit in der Industrie (Vertrieb & Marketing) arbeitet er seit 2003 als freier Texter, seit 2009 zusätzlich als Medizin- und Wissenschaftsjournalist. Sein Markenzeichen: hoch komplexe Sachverhalte leicht verständlich auf den Punkt bringen. Als Medizin- und Wissenschaftsjournalist hat sich Fritzsche auf die Themen Gesundheit aus ganzheitlicher Sicht, Komplementärmedizin und Forschung sowie Grenzbereiche der Psychologie spezialisiert. www.claus-fritzsche.de

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Homöopathie und Plausibilitätsbias

Ein lesens- und auch bedenkenswert kritischer Beitrag von Prof. Harald Walach erläutert am Beispiel der Homöopathieforschung, was ein “Plausibilitätsbias” ist: Zum Beitrag

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Medizin = Placebo ?

Eine neue Metaanalyse untersucht die Daten aus 152 randomisierten dreiarmigen Studien, in denen medizinische Therapien (unterschiedlichste Therapien, darunter neben konventionellen auch komplementärmedizinische Therapien) gegen Placebos und gegen keine Therapie verglichen wurden.

Insgesamt wurden in diese Metaanalyse mehr als 12.000 Patienten eingeschlossen.

Werden die Effekte von Placebos gegen keine Therapien mit den Effekten von Therapien gegen keine Therapien miteinander verglichen, weisen Placebos und Therapien ähnliche Effektstärken auf. Dies gilt insbesondere für stetige Merkmale (continuous outcomes). Ein Merkmal ist stetig (kontinuierlich), wenn sich in einem beschränkten Intervall der reellen Zahlen unendlich viele Ausprägungen (überabzählbar viele) befinden. Dies betrifft viele Messwerte, die insbesonder subjektiv erfragt werden, z.B. die Intensität von wahrgenommenen Schmerzen auf einer Skala von 0-100 mm (Visuelle Analogskala). Für Studien mit binären Merkmalen (z.B. ja/nein oder krank/gesund) konnte ein Unterschied zwischen den Wirkungen von Therapien und Placebos gezeigt werden.

Das ernüchternde Resultat: Die Medizin ist in der Summe der Fälle nicht viel besser wirksam als Placebointerventionen.

Das ermutigende Resultat: Mit Placebos kann man ähnlich gute Therapieeffekte erzielen wie mit “echten” Therapien.

Verliert nun die Medizin an Evidenz oder gewinnt das Placebo an Evidenz?

Zur Studie:
Howick J, Friedemann C, Tsakok M, Watson R, Tsakok T, et al. (2013) Are Treatments More Effective than Placebos? A Systematic Review and Meta-Analysis. PLoS ONE 8(5): e62599. doi:10.1371/journal.pone.0062599

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“Enough ‘homeopathy is nonsense’ nonsense….”

In diesem ausgesprochen lesenswerten Beitrag im British Medical Journal nimmt Lionel R. Milgrom Stellung zur Evidenz der Homöopathie innerhalb der Evidenzbasierten Medizin. Zum Beitrag.

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Die historische Entwicklung des Hahnemann’schen Hochpotenzkonzeptes – ein Interview mit Silvia Waisse

Ein lesenswertes Interview mit der braslilianischen Medizinhistorikerin S. Waisse über das Thema, wie Hahnemann vor 200 Jahren das Hochpotenzkonzept entwickelte, und was dies für heute bedeutet: Zum Beitrag in der Allgemeinen Homöopathischen Zeitung.

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Gesundheitsökonomische Studien zur Homöopathie – ein aktuelles Review

Ist Homöopathie kostengünstiger als konventionelle Medizin? Diese Fragestellung ist erst seit wenigen Jahren aktuell. Für einen Überblick zu diesem Thema haben Petter Viksveen und Kollegen von der Universität Sheffield eine umfangreiche Literaturrecherche in verschiedenen Datenbanken durchgeführt und durch direkte Anfragen bei Ärzten und Wissenschaftlern ergänzt. Es konnten 14 Studien identifiziert werden, die sich mit der Kosteneffektivität der Homöopathie befassen. Insgesamt waren 3512 Patienten in alle Studien eingeschlossen. 8 Studien bezogen sich auf klassische Homöopathie, 3 Studien auf Komplexmittel, in den übrigen Studien befanden sich keine konkreten Angaben zur angewandten Methode.

Viksveen et al kommen zu folgendem Ergebnis: 8 Studien konnten sowohl positive Effekte betreffend die Gesundheit der Patienten als auch Kosteneinsparungen durch Homöopathie zeigen; 4 Studien zeigten eine Besserung der Beschwerden bei vergleichbaren Kosten; 2 Studien zeigten eine mit einer konventionellen Therapie vergleichbaren klinischen Besserung, jedoch höhere Kosten. Die Kosten bei der homöopathischen Behandlung betrafen generell die direkten Therapiekosten des Arztes in der Sprechzeit, Arzneimittel spielten eine untergeordnete Rolle.

Die Aussagekraft der vorliegenden Daten wird allerdings eingeschränkt durch die Heterogenität der Studien und unterschiedliche methodische Schwächen, die die Autoren im Detail für jede Einzelstudie diskutieren. So lag beispielsweise der Zeithorizont zwischen 12 Stunden (!) und 9 Jahren. Ganz unterschiedliche Diagnosen wurden behandelt: Infektionen der Atemwege, Otitis media, Sinusitis, Asthma, Ekzeme und andere. Die Vergleichbarkeit der Studien ist außerdem durch unterschiedliche Kalkulationen der Kosten im Detail erschwert: nur wenige Studien bezogen etwa Krankenhauskosten mit ein, auch Fahrtkosten zum Arzt oder durch Krankheit entstandene Fehlzeiten am Arbeitsplatz wurden nicht durchgehend evaluiert.

Immerhin, 8 von 14 Studien zeigen signifikante Kosteneinsparungen durch die Homöopathie. Dennoch müssen die Autoren aufgrund der aktuellen, noch relativ dünnen Datenlage im Bereich der gesundheitsökonomischen Evaluationen schlussfolgern, dass derzeit keine endgültigen Schlüsse über die Kosteneffektivität der Homöopathie gezogen werden können.

Quelle

Viksveen P, Dymitr Z, Simoens S: Economic evaluations of homeopathy: a review. Eur J Health Econ. 2013 Feb 10. [Epub] http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23397477

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Homöopathie im Nationalsozialismus – Bedeutung marginal, Aufarbeitung fehlt

Auf dem Deutschen Homöopathiekongress 2013 in Weimar stellte Herr Professor Robert Jütte vom Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung seine historischen Forschungsergebnisse zur Bedeutung der Homöopathie im Nationalsozialismus vor.

Anders als es jüngere Beiträge in der Presse oder auch die Kritiken und Beiträge von Prof. Edzard Ernst suggerieren, spielte die Homöopathie insgesamt allenfalls eine marginale Rolle. Allerdings wurde die personelle Verstrickung des Deutschen Zentralvereins Homöopathischer Ärzte mit dem NS-Regime bislang nicht aufgearbeitet.

Der spannende Vortrag ist gemeinsam mit einer Erklärung des Deutschen Zentralvereins Homöopathischer Ärzte zum Download auf der Kongress-Homepage erhältlich.

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Zur Lage der Komplementärmedizin in Deutschland …

In diesem lesenswerten Beitrag beschreibt Dr. Henning Albrecht, Geschäftsführer der Karl und Veronica Carstens-Stiftung, die Entwicklung der Komplementärmedizin in Deutschland und zeigt auf, dass die Hauptprobleme seit Jahrzehnten in fehlender politischer Anerkennung, fehlender öffentlicher Förderung der Wissenschaft  und fehlender politischer Einheit der Akteure liegt. Zugleich wird heute auf hohem wissenschaftlichen Niveau geforscht.

Zum Artikel

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HTA Homöopathie – Fehlverhalten oder Rufmord?

Im Rahmen des Programms zur Evaluation der Komplementärmedizin (PEK) in der Schweiz wurde nicht nur die Metaanalyse von Shang et al. 2005 erstellt, die die Homöopathie negativ bewertet, sondern es wurde auch ein sogenanntes Health Technology Assessment beauftragt. Bei der nun folgenden Auseinandersetzung handelt es sich um ein seltsames Nachspiel des PEK:

Börnhoft et. al. fertigten 2006 das „Health Technology Assessment“ (HTA) zur Homöopathie an. Als HTA bezeichnet man einen Prozess zur systematischen Bewertung medizinischer Technologien, Prozeduren und Hilfsmittel, aber auch Organisationsstrukturen, in denen medizinische Leistungen erbracht werden. Dabei werden Wirksamkeit, Sicherheit und Kosten, jeweils unter Berücksichtigung sozialer, rechtlicher und ethischer Aspekte bewertet. HTAs sollen primär als Entscheidungshilfe bei gesundheitspolitischen Fragestellungen dienen: hier die Frage, ob Homöopathie in Zukunft erstattet werden soll. Dabei ist besonders die Alltagsrelevanz von Bedeutung, ist die bewertete Maßnahme im Alltag von Nutzen, sicher und ökonomisch?

Ziel des Homöopathie-HTA war es, die Art und Menge der wissenschaftlichen Publikationen, den Stand der präklinischen Forschung, die Wirksamkeit auf Grundlage systematischer Reviews und Meta-Analysen sowie die Sicherheit und Wirtschaftlichkeit der Homöopathie zu erfassen.

Das HTA Homöopathie kam unter Einbezug aller Evidenz am Ende zu einer positiven Bewertung: „Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass es ausreichende Belege für die präklinische (experimentelle) Wirkung und klinische Wirksamkeit der Homöopathie gibt und dass sie absolut und insbesondere im Vergleich zu konventionellen Therapien eine sichere und kostengünstige Intervention darstellt.“

Für die Homöopathie-Skeptiker stellt dieses HTA ein ständiger Dorn im Auge dar, vor allem seit die Publikation nun auch für Briten und Amerikaner ins Englische übersetzt wurde.

Nun erschien 2012 überraschend in der Swiss Medical Weekly eine Artikel von David M. Shaw, vom Institut für Biomedizinische Ethik an der Universität Basel, indem dieser den Autoren des HTA wissenschaftliches Fehlverhalten („scientific misconduct“) vorwarf.

Shaw begründet seine Anschuldigungen damit, dass die Autoren technisch falsch recherchiert hätten, nämlich nicht nur in Online-Datenbanken von Fach-Zeitschriften. Außerdem wirft er Ihnen vor, Studien einbezogen zu haben, die älter als 10 Jahre sind und Ergebnisse aus Beobachtungsstudien der Versorgungsforschung einbezogen zu haben. Die Autoren hätten zudem ihren „Conflict of Interest“ nicht angegeben, der darin bestünde, dass sie „Homöopathen“ seien und somit an positiven Ergebnissen zwangsläufig interessiert sein müssten. Shaw zweifelt dann an der wissenschaftlichen Integrität der Autoren und erhebt schwerwiegende Vorwürfe:

“… the authors have distorted the evidence and misled the public; these actions, combined with their conflicts of interest, strongly suggest that they are guilty of research misconduct.“

Die Autoren des HTA haben nun ein Erwiderungsschreiben in der gleichen Zeitschrift publiziert, indem Sie schildern, dass genau diese umfassende Literaturrecherche in allen verfügbaren Datenbanken und auch außerhalb der Online-Kataloge der normaler Standard für HTAs ist, um nämlich alle verfügbare Evidenz abzubilden, dass der Einbezug von Daten aus der Versorgungsforschung gerade für die Zwecke des HTA zusätzlich zu RCTs notwendig ist, nämlich um alltagsrelevante Wirkungen zu beurteilen (externe Validität statt nur interner Validität). Außerdem wehren sie sich dagegen, dass die Bezeichnung „Homöopath“ an sich ein Interessenskonflikt im Sinne der Publikationsregeln sein soll.

Die Autoren des HTA schlussfolgern: „…that the article by David Martin Shaw constitutes an accumulation of false claims, indefensible allegations and defamatory remarks without any justification in content. In our opinion, Shaw’s article and the arguments contained therein do not in any way meet the minimum requirements of a scientific paper. (…) David M. Shaw appears to attack homoeopathy, using pseudoscientific arguments and flouting intellectual integrity and honesty in a way that goes beyond the realm of scientific work. Having considered all arguments we state: In clinical studies, taking internal and external validity criteria into account, effectiveness of homoeopathy can be seen as clinically evident, and certified application as safe.

Über den Artikel von Shaw kann man sich nur wundern, kritisierte er doch nicht die wissenschaftliche Arbeit und Technik der Autoren an sich, sondern beurteilt die Autoren auf der Basis von allgemeinen Regeln für wissenschaftliches Arbeiten, die so gar nicht gültig sind, wie dies auch die Autoren in ihrem Erwiderungsschreiben präzise darlegen.

Wie ist dies zu verstehen?  Homöopathie-Skeptiker greifen in den letzten Jahren zunehmend Wissenschaftler an, die mit konventionellen Forschungs-Methoden zu Homöopathie forschen und positive Ergebnisse berichten. Kritik an sich ist in der Wissenschaft notwendig und sinnvoll. Wenn aber die wissenschaftliche Sachlichkeit überschritten wird und die Kritik den Charakter eines persönlichen Feldzuges mit diffamierendem Charakter annimmt, werden die Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis mit Absicht verletzt. Sollen hier wissenschaftliche Fürsprecher der Homöopathie mundtot gemacht werden? Stellen positive Forschungsergebnisse für Homöopathie für Skeptiker einen materialistischen Tabu-Bruch dar, der geahndet werden soll?

Genau dies ist eben nicht Sinn der evidenzbasierten Medizin (EBM). Sie möchte nämlich, auf der Basis wissenschaftlicher Forschungsergebnisse, systematisch nach dem klinischem Nutzen für den einzelnen Patienten suchen. Die Ausgrenzung von Methoden, nur weil sie grundlegend theoretisch als nicht plausibel erachtet werden, ist keine Haltung der EBM, sie vermag klinischen Nutzen auch zu erfassen, ohne dass Wirkmechanismen bekannt sind. Insoweit kann man auf eine erneute Stellungnahme des Autors Shaw gespannt sein.

Prof. Harald Walach vermutet in seinem lesenswerten Beitrag zu dieser Kontroverse im CAM Media Watch Blog (http://www.cam-media-watch.de/?p=15041) einen weitergehenden Verdacht: „Der vermeintliche Aufstand um Daten, Wissenschaftlichkeit, Ehrbarkeit und Saubermannstum ist Augenauswischerei, um zu verschleiern, um was es tatsächlich geht: um politisch-wirtschaftliche Interessen. Denn wenn es nur um Wissenschaft ginge, dann müsste man die Homöopathie nicht aktiv bekämpfen. Dann könnte man warten, bis sich die Frage von selbst erledigt. Wirtschaftlich machen die Konsultationen der Komplementärmedizin in Studers Daten 0.2 Prozent aus, also einen verschwindend kleinen Teil. Der Punkt ist: all die Patienten, die Homöopathie und Co. in Anspruch nehmen, hören auf, regelmäßig ihre Pillen zu schlucken, weil sie sie nämlich nicht mehr brauchen. Das ist die eigentliche Thematik. Eine Gegenkultur etabliert sich und gräbt den etablierten Kräften das Wasser ab. Warum also die ethisch-moralische Keule ausgerechnet hier?“

Am Ende hat übrigens in der Schweiz eine politische Volksabstimmung die Frage entschieden, ob Homöopathie weiter von der Krankenversicherung getragen werden soll. Die Schweizer haben sich mehrheitlich für eine Erstattung der Komplementärmedizin ausgesprochen, inklusive Homöopathie.

Referenzen

Shaw DM. The Swiss report on homeopathy: a case study of research misconduct. Swiss Med Wkll; 2012 (142):w13594

von Ammon K, Bornhöft G, Maxion-Bergemann S, Righetti M, Baumgartner S, Thurneysen A, Wolf U, Matthiessen PF. Familiarity, objectivity – and misconduct: Counterstatement to Shaw DM. The Swiss Report on homoeopathy: a case study of research misconduct. Swiss Med Wkly. 2012;(142):w13594. Swiss Med Wkly. 2013;(143):0

Bornhöft G, Matthiessen PF. Homöopathie in der Krankenversorgung – Wirksamkeit, Nutzen, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit. Frankfurt am Main: VAS – Verlag für Akademische Schriften. 2006.

 

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Roland Baur im Gespräch mit Homöopathie-Kritiker Christian Weymayr – ein Streitgespräch im Deutschlandradio

Am 2.Februar 2013 übertrug das Deutschlandradio ein Streitgespräch zwischen dem Homöopathikritiker Dr. rer. nat. Christian Weymayr und dem homöopathischen Arzt und Internisten Dr. med. Roland Baur.

Christian Weymayr ist Biologe, Wissenschaftsjournalist und Mitglied der GWUP, hat das Buch “Die Homöopathie-Lüge” jüngst veröffentlicht. Er fordert, dass Ärzte die Homöopathie nicht als wissenschaftlich fundierte Medizin anbieten sollen und dass  klinische Homöopathie-Forschung nicht durchgeführt werden soll. Die Vereinigung GWUP betreibt seit Jahren Lobby-Arbeit gegen die Homöopathie, führt selbst aber keine Forschung durch. Im Internet tritt sie zuweilen aggressiv gegen die Homöopathie auf.

Roland Baur ist Facharzt für Innere Medizin, Homöopath und Biochemiker, behandelt seit vielen Jahrzehnten Patienten mit Homöopathie und hat neben anderen Forschungsprojekten an verschiedenen Homöopathiestudien als Studienarzt und Wissenschaftler teilgenommen.

Zum Radiobeitrag online

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